1. Kapitel

Ari

Das Schwert sauste auf mich zu und ich duckte mich in Windeseile weg. Doch mir war keine Pause vergönnt, denn erneut traf mich beinahe die Klinge. Diesmal gelang es mir, mit einer Rolle zu meiner eigenen Waffe hinüber zu kommen, die er mir zuvor aus der Hand geschlagen hatte. Blitzschnell griff ich zu und parierte knapp den nächsten Hieb.

Himmel, wie ich dieses stumpfsinnige Training hasste. Wozu bitte war es nötig, jeden Tag für einen Kampf zu trainieren, dem ich mich niemals stellen musste?

Seit ich denken konnte, herrschte Frieden in der Anderswelt und auch die Menschen in Midgard hatten gelernt, dass es besser für alle war, miteinander zu leben, als im Kampf gegeneinander zu sterben. Also wozu musste ich mich wieder und wieder im Training quälen, wo ich doch viel sinnvollere Dinge erledigen konnte?

Genau in dem Moment schlug er mir erneut mein Schwert aus der Hand, trat mir die Beine weg und hielt mir seine Klinge an die Kehle.

»Was zur Hölle ist los mit dir? Willst du gerne sterben?«

»Dad, bitte. Du wirst mich wohl kaum im Training töten«, nörgelte ich und rappelte mich auf. 

»Verdammt, Ari, du bist mein Sohn und das bringt nun mal gewisse Verpflichtungen mit sich«, zischte mein Vater und steckte wütend sein Schwert weg. »Deine Mutter hat dich zu sehr verhätschelt. Es wird Zeit, zu begreifen, dass der Frieden grundsätzlich auf wackeligen Beinen steht.«

»Klar, dass du das sagst. Wäre ich der Gott des Krieges, würde es mir auch nicht passen, dass seit über zwei Jahrzehnten alles ruhig ist. Aber Dad, es ist überstanden. Das Chaos wurde abgewendet. Es ist nicht nötig, mich mit diesem Mist zu quälst.« Ich bereute die Worte bereits in dem Moment, als sie ausgesprochen waren. Die Gesichtsfarbe meines Vaters veränderte sich rasend schnell von normal, zu kalkweiß und schließlich zu zornesrot.

»Mist? Mist!« Offensichtlich fehlten ihm die Worte und ich war heilfroh, dass in dem Moment Victoria zu uns kam. Wenn jemand außer meiner Mum Dad in diesem Zustand noch beruhigen konnte, dann die Königin der Dunkelalben.

Meine Patentante musste schon aus der Entfernung bemerkt haben, dass mein Vater und ich uns mal wieder uneinig waren, denn sie beschleunigte ihre Schritte. »Ari! Nio, Meryl, Arto und Jowna sind da. Sie warten im Innenhof auf dich. Hast du deine Sachen gepackt?«

»Klar habe ich das. Mum hat schon vor Tagen dafür gesorgt«, antwortete ich und nutzte die Chance, vor meinem Vater zu flüchten. Doch leider hatte er nicht vor, mich so einfach vom Haken zu lassen.

»Wir sind noch nicht fertig«, polterte er. »Du wirst nirgendwo hingehen, solange du deine Einstellung nicht änderst. Es ist wichtig, dass du bereit bist, dich zu verteidigen, verdammt noch mal.«

»Ares, bitte. Dein Sohn ist perfekt im Stande sich zu verteidigen. Dafür haben Ancoron und du ja wohl in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren gesorgt. Außerdem machen die Kinder doch nur Urlaub. Glaubst du wirklich, dass sie dort angegriffen werden?«, mischte sich Victoria besänftigend ein und ich hätte sie küssen können.

»Die Kinder reisen nach Island, hast du eine Ahnung, was da alles passieren kann?«, fragte Dad aufgebracht.

»Leider habe ich das nicht, denn bisher war ich noch nicht dort. Doch wenn meine Enkelin zurück ist, wird sie mir sicher erzählen, was ich alles verpasst habe«, entgegnete sie ihm lächelnd und brachte Dad damit noch mehr auf die Palme.

»Ich muss jetzt echt los. Wir sehen uns in sechs Wochen«, sagte ich schnell, umarmte Victoria und entfernte mich fluchtartig. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie Dad nach mir greifen wollte und Victoria ihn zurückhielt. Diese Frau hatte mich schon öfter vor den Ausbrüchen meines Vaters gerettet, als ich zählen konnte.

Wie sie bereits gesagt hatte, warteten meine Freunde im Innenhof. Nio, Arto und ich waren seit unserer Kindheit beste Freunde, obwohl wir so weit voneinander entfernt lebten.

Arto war Evans und Joannas Sohn und lebte mit seiner Familie in Noatun. Im Gegensatz zu mir war er ein herausragender Krieger. Ich hatte mir mehr als einmal anhören dürfen, dass mein Vater sich wünschte, ich wäre ein wenig mehr wie mein Freund. 

Arto war aber nicht nur ein hervorragender Kämpfer, sondern auch noch ein absoluter Frauenmagnet. Mit seinen goldenen Haaren und den blitzenden grünen Augen zog er immer alle Blicke auf sich. Da hatte es selbst Nio schwer, obwohl seine Nix-Gene auch nicht zu verachten waren. Er hatte hellblondes Haar und stechend blaue Augen. Allerdings war er der perfekte Politiker, was ihn für Mädchen uninteressant machte. Nio kam aus Atlantis, genau wie seine Cousine Meryl, die mit ihren rotblonden, hüftlangen Locken und den hellblauen Augen eine Schönheit war.

Früher war ich schrecklich verliebt in sie gewesen, doch wir hatten recht schnell herausgefunden, dass wir kein Pärchen-Potential hatten. Ganz im Gegensatz zu Arto und Meryl. Inzwischen waren sie seit fast fünf Jahren zusammen.

Die vierte in unserer kleinen Gruppe war Jowna. Victorias Enkeltochter lebte mit ihren Eltern in Asgard. Sie war eine herausragende Magierin und noch dazu wunderschön. Ihre zurzeit regenbogenfarbenen Haare trug sie zu einem frechen Bop geschnitten, was wunderbar mit den dunkelblauen Iriden harmonierte. Ihre Augen glichen denen ihrer Großmutter bis ins Detail und genau diese strahlten mich nun aufgeregt an. »Wo warst du denn? Wir hatten schon befürchtet, dein Dad könnte es sich anders überlegt haben«, sagte sie und ich verzog das Gesicht. 

»Er wollte nur sichergehen, dass ich mich im Falle eines Angriffs verteidigen kann«, erklärte ich und verdrehte genervt die Augen.

»Dann haben wir wohl Glück, dass er dich gehen lässt. Immerhin hast du seit Monaten nicht richtig trainiert«, stellte Arto fest und boxte mir gegen die Schulter.

Stöhnend schnappte ich mir meinen Rucksack und schulterte ihn. »Du wirst ihm wahrscheinlich mehr fehlen als ich«, seufzte ich und spürte einen Hauch von Enttäuschung. Früher hatte ich alles getan, um den hohen Ansprüchen meines Vaters gerecht zu werden. Doch irgendwann hatte ich erkannte, dass das unmöglich war. Ich wart einfach nicht so, wie er es sich wünschte und seit mein kleiner Bruder endlich ein Schwert halten konnte, ließ Dad mich meist in Ruhe.

»Kommt, lasst uns aufbrechen. Haltet euch bitte an den Händen, damit wir uns nicht verlieren«, forderte Jowna und ergriff meine Hand. Da wir alle entweder göttlicher oder magischer Abstammung waren, konnten wir uns ohne Schwierigkeiten an einen anderen Ort teleportieren. Allerdings war die Reise nach Midgard doch etwas anderes, als wenn wir innerhalb der Anderswelt reisten, daher mussten wir auf Nummer sicher gehen.

Es dauerte nicht lange und wir landeten mitten im Nirgendwo, so wie wir es geplant hatten. Wir wollten schließlich nicht gleich eine Panik auslösen, auch wenn die Isländer magischen Wesen gegenüber deutlich offener waren, als andere Völker hier in Midgard.

»Ist das schön«, seufzte Jowna und drehte sich langsam im Kreis, um auch alle Eindrücke in sich aufzunehmen.

»Das hier war die beste Idee, die wir je hatten«, bemerkte Meryl und kuschelte sich in Artos Arme.

»Das Dorf ist nicht weit von hier. Luana erwarte uns sicher schon«, sagte Jowna und ging zügig in Richtung eines kleinen Wäldchens voraus.

Wir hatten geplant, die ersten Tage in einem Elfendorf zu verbringen und erst danach nach Reykjavík aufzubrechen, um uns unter die Menschen zu mischen.

Luana war Victorias Halbschwester und bereits vor über zwanzig Jahren mit einigen anderen Lichtelfen nach Midgard gegangen. Früher hatte es überall auf der Erde Siedlungen von Elfen, Zwergen und Feen gegeben, doch je mehr die Menschen ihre Umwelt zerstört hatten, desto weniger von uns waren bereit gewesen, unter solchen Bedingungen zu leben. Erst seit der Apokalypse hatten die Menschen begriffen, dass es so nicht weitergehen konnte und die Überlebenden führten nun wieder ein Leben im Einklang mit der Natur.

»Seht nur, da ist es«, rief Meryl aus und riss mich damit aus meinen Gedanken. Hinter dem Wäldchen erstreckte sich eine grüne hügelige Landschaft mit märchenhaft kleinen Häusern, die sich perfekt in dieses Bild einfügten. Natürlich lag ein Zauber über dem Gelände, der verhinderte, dass die Menschen sahen, was sich uns gerade offenbarte. Und dennoch wussten sie, dass die Elfen hier lebten, und mieden daher diesen Bereich.

Die Isländer waren ein weises Volk. Sie ignorierten uns nicht einfach, sondern nahmen Rücksicht auf das Lichte Volk, wie sie uns nannten. Das ist auch einer der Gründe, warum es einer kleinen Population von Trollen gelungen war, hier sesshaft zu bleiben.

Als wir das Dorf betraten, waren wir sofort umringt von spielenden Kindern, die sich sehr über unseren Besuch freuten. Ein Mädchen mit dunklen Zöpfen kam freudestrahlend auf uns zugelaufen und fiel Jowna stürmisch um den Hals. »Da seid ihr ja endlich«, rief sie und musterte uns der Reihe nach freundlich. »Kommt, Mum wartet schon auf euch. Das Gästehaus ist vorbereitet und sobald sie euch begrüßt hat, gibt es ein großes Fest«, schnatterte die Kleine drauflos. Das musste Sabrin, die Tochter von Luana sein.

Wir folgten dem kleinen Wirbelwind in eine Art Langhaus. Von Gras überwuchert erinnerte es an einen Hügel. Im Inneren gab es lange Tafeln und, ähnlich wie zu Hause, riesige Feuerstellen. Am Ende der großen Halle stand ein Podest, auf dem die Stühle der obersten Familie aufgestellt waren. Hier erwartete uns die Schwester des Oberon gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn.

Luana kam sofort auf uns zu und umarmte uns alle herzlich. Ihre dunklen Augen waren absolut faszinierend. Außer bei Dad und mir selbst, hatte ich noch nie so dunkle Iriden gesehen, aber ihre waren so sanft und wunderschön, dass man sich regelrecht in ihnen verlor.

»Es ist so schön, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid. Fühlt euch bitte ganz wie Zuhause und wenn ihr Fragen habt oder die Insel erkunden möchtet, wendet euch am besten an meinen Sohn. Silur wird euch gerne alles zeigen.« Sie deutete auf den jungen Elf, der auf Geheiß seiner Mutter zu uns kam.

Silur war sechzehn Jahre alt, schlank und groß wie sein Vater. Wir waren uns einiger Zeit einmal in Albenheim begegnet, doch damals war er ein schrecklich arroganter Wicht gewesen. Ich hoffte sehr, dass er sich geändert hatte, sonst würde ich freiwillig auf seine Führung verzichten.

Sein Blick verriet mir, dass dem nicht so war, denn er musterte uns alle herablassend und ich sah bereits an Artos Miene, dass das Ärger geben würde.

»Danke dir. Wir sind sehr froh, hier zu sein. Vielleicht könnten wir kurz unsere Sachen verstauen und uns ein wenig umsehen, bevor die Feierlichkeiten beginnen. Dafür brauchen wir auch sicher keinen Führer«, entgegnete Jowna diplomatisch. 

»Sehr gerne. Seht euch ruhig um. Die Feier beginnt in etwa einer Stunde. Sabrin bringt euch zu eurer Unterkunft«, sagte Luana.

Wir bedankten uns und folgten der kleinen Elfe hinaus, bis zum Rand des Dorfes. Das Haus, in das sie uns führte, war ebenfalls von Gras überwuchert. Es war, als würde man eine Höhle betreten.

Das Innere war viel größer, als es auf den ersten Blick schien und es gab neben drei Schlafzimmern mit jeweils zwei Betten, einen gemütlichen Wohnraum, ein traumhaftes Bad und eine kleine Küche. Hier würden wir uns sicher wohlfühlen.

Die Zimmerverteilung ging schnell. Meryl und Arto belegten sofort das einzige Zimmer mit einem Doppelbett, also blieb eins für Jowna und eins für Nio und mich übrig.

Nachdem wir ausgepackt hatten, wollte ich unbedingt raus, um mir die Umgebung etwas näher anzusehen. Doch leider ließen sich meine Freunde nicht überzeugen mit mir zu kommen. Also zog ich den warmen Fellmantel über und machte mich alleine auf den Weg.

»Wir sehen uns nachher«, rief ich noch und verschwand nach draußen, wo es bereits dämmerte.

2. Kapitel

Skadi

Vorsichtig näherte ich mich dem Dorf. Dieser kleine arrogante Wichtigtuer würde es noch bereuen, dass er sich mit mir angelegt hatte. Nicht nur, dass er in meinen privaten Raum eingedrungen war, nein, er hatte tatsächlich versucht, Ylvi zu töten.

Bisher hatte ich mich bewusst von den Elfen ferngehalten. Sie behelligten mich nicht und ich behelligte sie nicht. Doch seit diese Halbstarken immer wieder in mein Territorium eingedrungen waren, kochte ich vor Wut.

Ich war gerne allein. Mit den Menschen hatte ich mich arrangiert, denn außer um Vorräte einzukaufen, hatte ich keine Berührungspunkte mit ihnen. Sie kamen nur sehr selten in meinen Teil der Insel, und wenn sie es taten, reichte ein kleines Erdbeben aus, um sie zu vertreiben. Doch diese Elfenbengel überschritten ihre Grenzen.

Zuerst musste ich herausfinden, wer dieses unverschämte Balg war, danach würde ich mir überlegen, wie ich ihn bestrafen konnte. Gerade als ich mir sicher war, dass alle Elfen in dem großen Langhaus verschwunden waren, löste ich mich aus dem Schatten und erstarrte im nächsten Moment. Ein junger Mann kam direkt auf mich zu. Seiner Energie nach, war er von göttlicher Abstammung. Diese Tatsache erschwerte meinen Plan, denn auch er würde mich sicher spüren. 

Für einen Moment überlegte ich ernsthaft, ihn anzugreifen. Aber wenn er so stark war, wie sein Körper vermuten ließ, dürfte es schwierig werden, ihn außer Gefecht zu setzen. 

Schnell zog ich mich in den Schatten zurück und beobachtete den jungen Mann vor mir. Zum Glück war der Mond beinahe voll und ich konnte mir meinen Gegner genauer betrachten.

Der Fremde erinnerte mich sehr an Ares. Derselbe muskulöse Körperbau und die raubtierhaften Bewegungen entfachten ein Feuer in mir, dass ich längst für erloschen gehalten hatte.

Verdammt, das war nicht gut.

3. Kapitel

Ari

Die Gegend war wunderschön. Die weite, steinige Landschaft und die kühle Luft erinnerte mich an Svartalfheim. 

Zufrieden ließ ich mich auf einem Stein nieder und betrachtete den kleinen See, der sich vor mir erstreckte. Er dampfte. Vermutlich wurde das Wasser von einer heißen Quelle gespeist. Ich dachte gerade ernsthaft darüber nach, ein heißes Bad zu nehmen, als ich plötzlich hinter mir eine Bewegung wahrnahm und im nächsten Moment bereits kalten Stahl an der Kehle spürte.

Auch wenn ich unbewaffnet war, hatte mein Angreifer keine Chance. Ich kämpfte vielleicht nicht gerne, aber das hieß nicht, dass ich mich nicht verteidigen konnte.

Ohne zu zögern, ergriff ich den Arm des Angreifers und schleuderte ihn über meine Schulter nach vorne Richtung Wasser. Doch der Kerl war flink wie ein Wiesel und griff mich bereits Sekunden später erneut an. 

Geschickt wich ich der Klinge aus, denn obwohl ich nicht sterben konnte, war ich nicht besonders scharf auf eine schmerzhafte Verletzung. Mein Gegner war leider extrem schnell und besser im Training als ich, weshalb er mich am Bein erwischte und mich so zu Boden beförderte. Im nächsten Moment saß er auf mir und hielt mir erneut die Klinge an den Hals.

Jetzt erst fiel mir auf, dass mein Angreifer eine Frau war, und eine verflucht attraktive noch dazu. Sie hatte hüftlange, kupferne leicht gewellte Haare und stechend eisblaue Augen mit silbernen Sprenkeln darin. Ihr Gesicht war wunderschön symmetrisch, einzig eine lange Narbe auf der rechten Wange störte dieses perfekte Bild.

Ihre Lippen waren voll und hatten einen sanften Schwung. Und trotz der Tatsache, dass sie mir einen Dolch an die Kehle presste, konnte ich nur daran denken, wie sich diese Lippen wohl auf meinen anfühlen würden.

Zu meiner Überraschung befeuchtete meine Angreiferin diese nun auch noch mit ihrer Zunge und meine Beherrschung war dahin. Ich überwältigte sie mit einer schnellen Drehung, begrub sie unter mir und schon lagen meine Lippen auf ihren.

Die Schneide ihres Dolches schnitt dabei leicht in meine Haut, doch die Verletzung nahm ich kaum wahr. Das Einzige, was ich noch registrierte, waren diese süßen Lippen, die sich für mich öffneten. Doch gerade, als ich sie langsam teilte, traf mich ihr Knie an meiner empfindlichsten Stelle und ich rollte zusammengekrümmt ins Gras.

»Himmel, musste das sein«, keuchte ich. 

Glockenhell lachte sie auf. »Du bist definitiv sein Sohn«, bemerkte sie und setzte sich schwer atmend auf.

»Deswegen musst du doch nicht gleich meine zukünftige Familienplanung zerstören«, entgegnete ich durch zusammengebissene Zähne und setzte mich mühsam auf. Ihr Blick fiel auf meinen Hals und sie sah mich entschuldigend an. »Ich wollte dich nicht verletzen, hättest du mich nicht so überfallen, wäre dir nichts geschehen«, sagte sie und reichte mir ein sauberes Tuch, dass sie kurz zuvor aus einer kleinen Tasche an ihrem Gürtel gezogen hatte.

»Du hast mich angegriffen. Hast du ernsthaft geglaubt, dass ich mich kampflos ergebe?«, fragte ich grimmig und stand auf.

»Kampflos nicht gerade, aber ich hatte nicht mit einem Kuss gerechnet«, entgegnete sie mit einem schiefen Lächeln auf diesen betörenden Lippen und erhob sich ebenfalls.

»Fein, und warum hast du mich angegriffen? Hoffentlich nicht nur weil ich Ares‘ Sohn bin, denn dir hätte klar sein müssen, dass du mich nicht besiegen kannst.«

Plötzlich war da ein Funkeln in ihren Augen. »Soso, der Grünschnabel denk also wirklich, er hätte eine Chance gegen mich?« Sie ging in Kampfstellung, doch ich winkte ab. »Ich lege keinen Wert darauf, mit dir zu kämpfen. Sag mir lieber, was du hier tust und warum du mich angegriffen hast.«

»Verrat mir, was du hier zu suchen hast, und ich überlege es mir«, entgegnete sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich verbringe meine Ferien hier. Meine Freunde und ich sind eben angekommen«, sagte ich und drückte das Tuch auf den kleinen Schnitt an meinem Hals. Die Wunde schloss sich bereits.

»Das ist alles?« Ich nickte und sie atmete erleichtert aus. »Dann tut es mir sehr leid, dass ich dich angegriffen habe. Du warst plötzlich hier und da einige der Elfen in letzter Zeit in mein Revier eingedrungen sind, habe ich vielleicht etwas überreagiert.« Sie senkte für einen Moment den Blick und ich gestattete mir eine näheren Bestandsaufnahme dieser umwerfenden Frau. Die Tatsache, dass wir Götter auch im Dunkeln gut sehen konnten, war definitiv von Vorteil.

Sie trug eine leichte Lederrüstung, kniehohe Stiefel und einen moosgrünen Umhang mit einer kupfernen Schließe. Außerdem breite dazu passende Armreifen und eine passende Kette. 

Diese Frau strahlte etwas Wildes und dennoch Weibliches aus. Ihre Kurven waren an genau den richtigen Stellen und ich musste mich sehr zusammenreißen, um mich ihr nicht erneut unpassend zu nähern.

Das sah mir überhaupt nicht ähnlich. Was Frauen anging, hatte ich mich sonst definitiv besser im Griff.

»Wer bist du eigentlich?«, fragte ich und sie setzte wieder dieses umwerfende Lächeln auf.

»Ich bin Skadi, Göttin der Jagd und des Winters. Und du musst Ari sein, richtig?«

Ich nickte und ergriff ihre dargebotene Hand. »Eine Göttin? Aber wer würde es wagen, dein Land zu betreten?«, fragte ich und hatte doch sofort so einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte.

»Einige der pubertierenden Jungs nähern sich mir und Ylvi, vermutlich als Mutprobe oder so etwas. Das stört mich nicht sonderlich, doch einer von ihnen hat gestern versucht, Ylvi zu töten, und das kann ich nicht dulden.«

»Wer ist Ylvi?«

»Meine Wölfin.«

Sofort schaltete ich in den Heiler-Modus. »Wie geht es ihr denn jetzt? Soll ich sie mir vielleicht mal ansehen?«

Ihr Blick ruhte neugierig auf mir. »Ist es etwa wahr, dass Ares´ erstgeborener Sohn ein Heiler ist?«

»Glaub mir, es ist nicht leicht für ihn«, entgegnete ich grinsend.

Sie trat näher an mich heran und ergriff meinen Arm. »Dann zeig mal, was du so kannst«, hauchte sie mir zu und transportierte uns beide vor ein beeindruckendes Holzhaus mitten in den Bergen.

»Sie ist drinnen. Ich hoffe, du hast keine Angst, sonst könnte es sein, dass sie dir die Kehle herausreißt«, sagte Skadi grinsend und betrat vor mir das Haus.

Himmel, ich hoffte doch sehr, dass das ein Scherz gewesen war, obwohl ich keine Angst vor Tieren hatte. Wachsam folgte ich ihr in ein gemütliches Wohnzimmer. Vor dem großen prasselnden Kamin lag ein riesiger weißer Wolf.

Dem Tier ging es nicht gut, das spürte ich deutlich und so schob ich Skadi sanft zur Seite und kniete mich neben die Verwundete. Bevor ich sie berührte, gab ich ihr die Gelegenheit, mich kennenzulernen und erst danach legte ich meine Hände vorsichtig auf ihr Fell.

Mit geschlossenen Augen nahm ich Kontakt zu ihr auf und sie übermittelte mir im Geiste, wie es zu dieser Verletzung gekommen war.

Ich streifte durch den Wald, meiner Beute dicht auf den Fersen, als ich direkt neben mir ein Rascheln vernahm. Sofort war ich alarmiert, denn dem Geräusch folgte der Geruch nach Elf.

 Dieses Mal würde ich diese nervige Brut ein für alle Mal aus unserem Revier vertreiben. Also wandte ich langsam den Kopf in die Richtung des Eindringlings und fletschte die Zähne.

Bei meinem Anblick wich der dunkelhaarige Junge mit den grünen Augen erschrocken zurück. Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Der Elf zog einen Dolch und warf ihn nach mir.

Hätte ich nicht so schnell reagiert, wäre ich tödlich verwundet worden, doch so streifte mich die Klinge nur an der Flanke.

Die Wunde brannte entsetzlich und obwohl ich mich am liebsten auf meinen Angreifer gestürzt hätte, war ich für einen Moment wie paralysiert. Als ich mich endlich wieder bewegen konnte, war der Junge verschwunden und ich schleppte mich mit letzter Kraft zum Haus zurück.

»Das Messer war vergiftet. Ich kann dir helfen, aber das wird sehr schmerzhaft werden«, flüsterte ich der Wölfin zu.

Sie sah mich direkt an und nickte stumm, bevor sie die Augen schloss. Da ich ihr Einverständnis hatte, legte ich meine Hände erneut auf ihr Fell und sandte meine Heilkräfte durch meine Handflächen in ihren Körper.

Das riesige Tier erzitterte unter meinen Händen, doch je länger ich die Verbindung aufrecht erhielt, desto mehr entspannte sie sich. Als das Gift endlich komplett neutralisiert war, schlief Ylvi erschöpft ein.

»Sie braucht jetzt Ruhe, aber wenn sie aufwacht, wird es ihr besser gehen.«

»Weißt du, wer das getan hat?« 

Ich nickte und zog Skadi in meine Arme. »Das werden wir jetzt auf der Stelle klären.« Mit diesen Worten brachte ich uns ins Dorf der Elfen zurück.

4. Kapitel

Jowna

Das Fest war in vollem Gange und so langsam sorgte ich mich um Ari. Er hätte längst wieder hier sein sollen.

»Entspann dich. Er kann ganz gut auf sich selbst aufpassen«, sagte Arto und lächelte mich aufmunternd an. Natürlich hatte er recht und dennoch sah es Ari überhaupt nicht ähnlich, zu spät zu kommen.

»Vielleicht hat der weiße Wolf ihn geholt«, flüsterte Sabrin mir zu und ich sah sie überrascht an.

»Hier gibt es doch keine Wölfe«, erwiderte ich und die kleine Elfe blickte mich ängstlich an.

»Doch, es gibt einen. Einen Geisterwolf. Er reißt die Schafe der Menschen und verschleppt Kinder. Der Geisterwolf ist angeblich das Haustier einer Eisgöttin, die hier in den Bergen lebt. Niemand traut sich in ihr Revier.«

»Der Wolf wird niemandem mehr etwas tun, dafür habe ich gesorgt«, mischte sich ihr Bruder von der Seite ein und wirkte verdammt zufrieden mit sich.

»Was soll das heißen?«, fragte ich ihn und er grinste mich überheblich an. 

Bei den Göttern, diesen nervigen kleinen Mistkerl würde ich zu gerne mal zu Evan oder Ares ins Training schicken, damit er ein wenig Respekt lernte.

»Das heißt, dass ich mich darum gekümmert habe«, entgegnete er und riss sich ein Stück Brot ab. Genau in diesem Moment betrat Ari das Langhaus, in Begleitung einer wunderschönen Frau. So wie sie hatte ich mir immer die Amazonen vorgestellt.

Als Silur die beiden erblickte, wurde er plötzlich ziemlich blass, wenn nicht sogar grün im Gesicht und machte sich ganz klein. Im Gegensatz dazu war seine Mutter sofort auf den Beinen und eilte den beiden entgegen.

»Skadi, es ist uns eine Ehre, dich zu empfangen. Was führt dich zu uns?«

Skadi? Woher kannte ich nur diesen Namen?

Wahrscheinlich war sie eine der Göttinnen, von denen Dad immer erzählte. Denn eine Göttin war sie ohne Zweifel, das spürte ich.

»Dein Sohn hat meinen Wolf angegriffen und vergiftet. Ohne Ari, wäre Ylvi jetzt tot«, entgegnete sie und Luanas Blick flog zu Silur hinüber, der in seinem Stuhl noch kleiner wurde. 

»Komm her«, befahl seine Mutter. Zögerlich stand er auf und trat langsam vor. »Stimmt das, was sie sagt?«

»Nein«, entgegnete ihr Sohn trotzig und alles an ihm schimpfte ihn einen Lügner.

»Ylvi hat es mir gezeigt. Ich weiß, dass du es warst. Ich verstehe nur nicht warum«, mischte sich Ari ein und Silur funkelte ihn wütend an. 

»Dann hat das dumme Vieh eben gelogen. Ich war es nicht«, entgegnete der Elf und streckte seinen Rücken durch.

»Vielleicht sollten wir Ylvi herholen. Dann kann sie ihren Angreifer selbst entlarven«, sagte Ari und funkelte ihn zornig an. Nun brach die arrogante Fassade von Silur in sich zusammen. »Verdammt, das Biest ist gefährlich. Irgendjemand musste etwas gegen es unternehmen«, zischte der junge Elf aufgebracht, und seine Mutter sah ihn wütend an. 

»Das wird ein Nachspiel haben. Was hast du dir nur dabei gedacht in das verbotene Land zu gehen und ein unschuldiges Tier zu vergiften?«

»Das ist kein Tier, sondern ein Monster.«

»Ylvi tut niemandem etwas zu Leide«, stellte Skadi fest und sah dabei aus, als wolle sie auf den Jungen losgehen, doch da ergriff Ari sanft ihre Hand und sie entspannte sich sofort wieder. Es war faszinierend, wie vertraut die beiden miteinander umgingen, obwohl sie sich kaum kannten.

»Es ist wohl an der Zeit, deine Erziehung weiterzugeben. Dank dieser dummen Aktion habe ich nun hoffentlich endlich die Erlaubnis deiner Mutter, dich nach Asgard zu schicken. Ares wird dir schon beibringen, was Respekt bedeutet«, sagte Silurs Vater und zog seinen Sohn mit sich nach draußen. Luana sah ihm kurz nach, bevor sie sich wieder Skadi zuwandte. 

»Es tut mir schrecklich leid, was mein Sohn getan hat. Bitte bleib zum Essen. Es ist an der Zeit, den Kindern die Angst vor dir zu nehmen.«

Die Göttin nickte und folgte Luana auf das Podest, wo sie zwischen mir und Ari Platz nahm. Ihre eisblauen Augen ruhten für einen Moment neugierig auf mir und dann legte sie den Kopf schräg.

»Du bist Lokis Tochter. Wie geht es deinem Vater?«

»So weit ganz gut, danke der Nachfrage.« 

Sie lächelte mich sanft an. »Du hast keine Ahnung, wer ich bin, oder?«

»Ehrlich gesagt nicht«, gestand ich und sie lächelte erneut. »Dann sollten wir es dabei belassen, denn ich möchte dir keine Angst machen. Außerdem hat dein Vater für das bezahlt, was er getan hat.«

5. Kapitel

Skadi

Die kleine Göttin war sich ihrer Kräfte noch nicht bewusst. Lokis Tochter trug große Macht in sich, ähnlich wie Ari, der mich mit seinen Heilkünsten ziemlich beeindruckt hatte.

Ehrlich gesagt überraschte mich dieser junge Mann mehr, als alle Männer, die ich in den vergangenen Jahrhunderten kennengelernt hatte. Der flüchtige Kuss hatte mir die Sinne vernebelt und es hatte mich all meine Kraft gekostet, ihn von mir zu stoßen.

Irgendetwas zog mich zu Ari hin und es fiel mir immer schwerer, mich dem zu entziehen.

Der Abend war sehr nett und ich genoss die Gesellschaft. Ich hatte definitiv zu viel Zeit alleine verbracht. Auch wenn ich es wirklich nicht gerne zugab, aber ich sehnte mich nach Gesprächen und der Nähe zu anderen Personen.

»Skadi? Ist alles okay?« 

Aris Frage riss mich aus meinen Gedanken und ich lächelte ihn an. »Ja, es ist alles gut.«

»Machst du dir Sorgen um Ylvi?« Ich nickte. Natürlich machte ich mir Sorgen. »Sollen wir nach ihr sehen? Eigentlich wollte ich erst morgen nachsehen, wie es ihr geht, aber wenn du dich dann besser fühlst, können wir gleich gehen«, schlug er vor.

Ich stand auf und ergriff seine Hand. »Danke«, hauchte ich und teleportierte uns nach Hause.

»Es ist so wunderschön hier. Ich kann gut verstehen, warum du hier lebst. Es ist perfekt«, sagte er und überraschte mich damit erneut.

»Den meisten ist es hier zu kalt und zu einsam«, gestand ich leise und er ließ seinen Blick über die Landschaft gleiten.

»Ich finde es großartig.«

Verdammt, dieser Mann war einfach perfekt.

Um mich ihm nicht hier und jetzt an den Hals zu werfen, ging ich zum Haus und öffnete die Tür. »Lass uns nach Ylvi schauen, es ist schon spät«, sagte ich und klang dabei kühler, als ich es beabsichtigt hatte. Ari sah mich überrascht an, ging dann aber an mir vorbei zu meiner weißen Wölfin hinüber. Ylvi schlug gerade die Augen auf.

»Hey, meine Schöne, geht es dir besser?«, fragte Ari und setzte sich zu ihr auf den Boden. Und was tat diese Verräterin? Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß und schlief wieder ein.

»Ihr geht es gut. Sie braucht nur noch etwas Ruhe«, sagte Ari und vergrub seine Hände in dem weichen Fell der Wölfin.

»Wie kommt es eigentlich, dass sie dir folgt und nicht ihrem Rudel?«, fragte er mich, während er seine Hände durch ihr Fell gleiten ließ.

»Wir hatten in Skandinavien einen Zusammenstoß. Sie hat versucht, mich zu töten, doch am Ende ist es mir gelungen, sie zu unterwerfen, um sie davon abzuhalten. Seither sind wir unzertrennlich.« Während ich sprach, wanderten meine Finger gedankenverloren über die Narbe auf meiner Wange. Plötzlich durchfuhr mich ein heißes Kribbeln, denn er legte seine Hand an genau diese Stelle und strich sanft darüber. 

»War sie das?«

Seine Beobachtungsgabe war erstaunlich.

»Ja«, entgegnete ich und sah ihn an. Großer Fehler, denn nun hielt mich sein liebevoller Blick gefangen. Er war mir so nahe, dass ich nur daran denken konnte, ihn zu küssen. Unsicher befeuchtete ich meine Lippen und sein Blick flogen kurz zu meinem Mund hinunter, bevor er mir erneut in die Augen sah.

»Wirst du mich wieder treten, wenn ich dich jetzt küsse?«, fragte er mit einem lausbubenhaften Grinsen und lehnte sich noch näher zu mir. Doch kurz bevor unsere Lippen sich endlich trafen, stoppte er.

»Nein, das werde ich nicht«, hauchte ich und kam ihm den letzten Zentimeter entgegen.

Dieser Kuss war berauschend. Er setzte jede Faser meines Körpers in Brand und ich wünschte mir, dass er niemals enden würde.

6. Kapitel

Ari

Diese Frau war der absolute Wahnsinn. Noch nie zuvor war ich so geküsst worden. Skadi entfachte in mir Gefühle, die ich in dieser Intensität nicht kannte. Ich war nicht in der Lage sie loszulassen und ihr schien es ähnlich zu gehen.

Die Zeit flog nur so dahin und plötzlich wurde es hell draußen und wir küssten uns noch immer.

»Skadi, es tut mir leid, aber ich muss zu meinen Freunden, bevor sie sich Sorgen machen. Immerhin hatten wir geplant, den Urlaub gemeinsam zu verbringen.«

Sie lächelte mich sanft an. »Wenn ihr Lust habt, ich könnte euch das Land zeigen. Dann musst du nicht zwischen deinen Freunden und mir wählen. Außerdem kann ich euch an Orte führen, die ihr ohne mich niemals finden würdet«, sagte sie und ich musste sie erneut küssen. 

»Du bist großartig. Danke.«

Jetzt stand sie auf. »Dann lass uns aufbrechen. Wir können gemeinsam eine Kleinigkeit frühstücken und danach machen wir einen Ausflug zur Blauen Lagune. Da ist zwar bestimmt ziemlich viel los, aber es lohnt sich. Außerdem wollt ihr doch ein paar Menschen treffen und das könnt ihr da auf jeden Fall.«

Also machten wir uns auf den Weg zurück ins Elfendorf, wo wir bereits von meinen Freunden und von Luana erwartet wurden.

»Ich hoffe, Ylvi geht es besser«, begrüßte die Elfe uns und Skadi lächelte sie sanft an.

»Ihr geht es wieder gut. Heute Morgen ist sie schon herumgelaufen.«

Wir folgten den anderen zum Frühstück und meine Freunde waren hellauf begeistert von der Idee schwimmen zu gehen. Also packten wir nach dem Essen unsere Sachen zusammen und ließen uns von Skadi in die Nähe der Lagune führen. 

Die Umgebung war ein Traum, denn hier gab es nichts als Hügel und Stein. Das Thermalbad gab einem das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen, und ich genoss das warme Wasser in vollen Zügen.

»Gefällt es dir hier?«, fragte Skadi mich, und ich zog sie vorsichtig in meine Arme.

»Es ist wunderschön. Beinahe wie zu Hause.«

»Das ist einer der Gründe, warum ich mich hierher zurückgezogen habe. Die Landschaft erinnert mich stark an Svartalfheim«, sagte sie leise und schmiegte sich an mich.

»Hast du dort gelebt?«, fragte ich verwirrt. Ihre Aussage irritierte mich etwas, denn mir war nicht bekannt, dass sich eine Göttin nach Ragnarök im Königreich der Dunkelalben hatte blicken lassen.

»Das ist sehr lange her. Viele Jahre vor Ragnarök. Danach habe ich die Anderswelt verlassen, genau wie alle anderen Götter auch. Allerdings muss ich gestehen, dass ich nach Lokis Auftauchen beinahe eingeschritten wäre. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass jemand wie er sich tatsächlich ändern kann.«

»Würdest du gerne zurückgehen?«

»Manchmal schon, aber dein Vater und ich sind nie besonders gut miteinander klar gekommen, daher habe ich bisher davon abgesehen.« Die Göttin grinste mich verschmitzt an und ich musste sie einfach küssen.

»Mein Vater ist ein Chauvinist. Es gibt wenig Frauen, die mit ihm klarkommen«, entgegnete ich und alleine der Gedanke an meinen Dad sorgte dafür, dass sich mein Magen verknotete.

»Was hast du nach diesem Urlaub vor? Möchtest du in Svartalfheim als Heiler arbeiten?« Sie schien bemerkt zu haben, dass mein Vater ein Stimmungskiller war, und wechselte mit ihrer Frage geschickt das Thema.

»Ehrlich gesagt habe ich überlegt, hier in Midgard zu bleiben und den Menschen zu helfen. Inzwischen haben sie sich ja mit unserer Existenz abgefunden. Wieso sollten wir nicht voneinander lernen.« Ihre eisblauen Augen ruhten liebevoll auf mir. »Es ist kaum zu glauben, dass Ares wirklich dein Vater ist«, seufzte sie und küsste mich. 

»Du hältst es also für eine gute Idee?«

»Ich halte es für eine fantastische Idee«, rief sie aus.

In den folgenden Wochen zeigte Skadi uns das Land in all seiner Schönheit und je mehr Zeit ich mit ihr verbrachte, desto fester wurde mein Entschluss, hierzubleiben und mein Leben mit dieser starken, liebevollen Frau zu verbringen.

»Du wirst nicht mit uns zurückkommen, oder?«, fragte mich Nio an unserem letzten Abend. 

»Nein, das werde ich nicht. Ich bleibe hier und arbeite als Heiler. Luana hat mir angeboten, vorerst im Dorf zu wohnen. Allerdings würde ich gerne in einem Krankenhaus in der Stadt anfangen.«

»Du liebst sie also?«, fragte Jowna mich schmunzelnd und ich musste lächeln.

Ja, ich liebte Skadi. Sie war in dieser kurzen Zeit zu meiner Vertrauten, Geliebten und Partnerin geworden. Das war bereits mehr, als ich jemals zu träumen gewagt hätte.

»Dann hoffe ich sehr, dass sie dir nicht das Herz bricht«, sagte Arto und knuffte mir in die Rippen.

»Das werde ich nicht«, erklang daraufhin ihre inzwischen so liebgewonnene Stimme hinter mir und meine Freunde grinsten breit.

»Dann sollten wir jemanden finden, der es deinem Vater schonend beibringt, denn den Job übernehme ich ganz sicher nicht«, feixte Arto und ich musste lachen. »Silur wird das sicher gerne übernehmen. Die kleine Ratte wird sich keine Gelegenheit entgehen lassen, mich schlecht zu machen«, entgegnete ich.

»Asgard wird dem Jungen guttun. Dort kann er sich ordentlich die Hörner abstoßen und die Lehrer werden ihm die Flausen schon austreiben«, sagte Skadi und schmiegte sich an mich.

Den Abend verbrachten wir alle gemeinsam im Dorf. Luanna hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, erneut ein riesiges Fest auszurichten, um unseren Abschied zu feiern. 

Im Anschluss verabschiedete ich mich von meinen Freunden und ging dann mit Skadi und Ylvi nach Hause, wo wir es uns in ihrem großen Bett bei einem prasselnden Kaminfeuer gemütlich machten.

»Bist du dir sicher, dass du hierbleiben möchtest? Wir könnten auch nach Svartalfheim gehen«, fragte sie und kuschelte sich wie ein Kätzchen an mich.

»Ich bin mir hundertprozentig sicher. Ich bin gerne hier. Und vielleicht gehen wir in ein paar Jahren zurück. Solange du bei mir bist, könnte ich sogar meinen Vater ertragen«, sagte ich und ließ meine Finger über ihre weiche Haut gleiten. Skadi erschauerte wohlig neben mir.

»Wir sollten deine Eltern hierher einladen, damit sie sich keine Sorgen machen«, sagte sie und malte mit ihren Fingerspitzen Kreise und Spiralen auf meine Brust.

»Das sollten wir wahrscheinlich. Gleich morgen früh werde ich eine Nachricht nach Thrymheim schicken«, entgegnete ich und drehte mich so, dass sie unter mir lag. Ihre Augen strahlten vor Glück und ich senkte meine Lippen hinab auf die ihren.